Die Herstellung von Gewebetransplantaten – Was macht eine Gewebebank?


Gewebemedizin
Über 10000 Patienten warten auf ein Gewebetransplantat, Tendenz steigend. Damit entwickelt sich die Gewebemedizin zu einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe und Herausforderung in Deutschland.
Die Gewebemedizin stellt einen bedeutenden Teilbereich der Transplantationsmedizin dar. 
Trotz aller medizinischen Fortschritte ist für viele Patienten nach wie vor die Transplantation von Geweben die einzige Alternative zur Behandlung ihrer Erkrankung und Rehabilitation. Der Bedarf an qualitativ hochwertigen Gewebetransplantaten ist in Deutschland in den letzten Jahren deutlich gestiegen.
Die Gewebemedizin wird in die Teilbereiche Gewebespende, -prozessierung, -verteilung und -transplantation gegliedert.
Im Gegensatz zur Organspende werden die Gewebezubereitungen (Transplantate) nicht gleich verpflanzt.

  

Gewebebank
In der Gewebebank werden aus den entnommenen/gespendeten Gewebepräparaten qualitativ hochwertige Gewebezubereitungen (Transplantate) hergestellt. Zur Herstellung der Gewebetransplantate werden verschiedene Methoden angewendet, die Verfahren zur Herstellung klassischer Gewebezubereitungen und die der regenerativen Medizin (Dezellularisation).

 

 

Gewebetransplantate
Augenhornhaut

Die Hornhauttransplantation ist die älteste und häufigste Transplantation überhaupt. Ca. 6000 Transplantationen (Keratoplastik) werden pro Jahr in Deutschland vorgenommen. Der Bedarf an Hornhauttransplantaten ist aufgrund neuer Operationstechniken in den letzten Jahren gestiegen und ist heute fast doppelt so groß.
Das Auge ist das Tor zur Welt und die Hornhaut des Auges (Cornea) die Windschutzscheibe. Eine gleichmäßig gekrümmte und völlig klare Hornhaut führt zu einem klaren Sehen. Erkrankungen der Augenhornhaut (Hornhautkrümmungen oder Hornhauttrübungen) können die Sicht auf die Welt beeinträchtigen und führen unbehandelt über eine herab-gesetzte Sehschärfe letztendlich zur Erblindung. Neben modernen Methoden der Hornhautchirurgie kann die Hornhauttransplantation Patienten vor einer Erblindung bewahren oder ihre Sehstärke verbessern bzw. wieder-herstellen und somit das Tor zur Welt öffnen. Indikationen für eine Transplantation sind beispielsweise Verletzungen oder Vernarbungen auf der Augenhornhaut nach Unfällen, Infektionen oder Verätzungen.
Bei der perforierenden Keratoplastik wird die getrübte erkrankte Hornhaut des Patienten durch eine klare gesunde Spenderhornhaut ersetzt.
Bei bestimmten Erkrankungen des Hornhautendothels (innerste Schicht der Hornhaut) muss nicht die komplette Hornhaut transplantiert werden. Es reicht, das erkrankte Hornhautendothel auszutauschen (posteriore lamelläre Keratoplastik – z.B. DMEK).
Bei der tiefen anterioren lamellären Keratoplastik wird das Hornhautstroma unter Aussparung des Endothels entfernt. Dadurch bleibt die tiefe hornhauternährende Schicht erhalten. In die Lücke wird eine entsprechende Spenderscheibe eingenäht.

 
Herzklappen
Schädigungen der Herzklappen sind in unserer Gesellschaft ein häufig vorkommendes Erkrankungsbild und die Folge von Verkalkungen, Infektionen oder Herzinfarkte. Geschädigte Herzklappen können langfristig zu einer Funktionsschwäche des Herzens führen, die die Leistungsfähigkeit der Betroffenen dramatisch reduziert. Eine Therapieoption ist der Ersatz der Herzklappe durch ein Transplantat. 

  

Blutgefäße

Verengen Gefäße im Verlauf des Lebens durch Verkalkungen oder verstopfen ganz, kann dies lebensgefährlich am Herzen zu einem Herzinfarkt führen. An den Beinen führen Gefäßverengungen oder -verstopfungen zu Schmerzen und eingeschränkter Bewegung (periphere arterielle Verschlusskrankheit), in fortgeschrittenen Fällen droht die Amputation. In der Gefäßchirurgie werden menschliche Blutgefäße genutzt, um verengte oder verstopfte Blutgefäße zu ersetzen (Bypassoperation). Ebenso werden Transplantate bei Gefäßrekonstruktionen, vor allem beim Ersatz von infizierten Kunststoffprothesen, verwendet. Letztere sind oft lebensrettende Notfalloperationen.

  

Haut
Die Haut als größtes Organ des Menschen schützt diesen vor schädlichen Einwirkungen wie Hitze, Kälte, Infektionen oder Strahlen. Kleinere Defekte werden problemlos selbst regeneriert. Bei großflächiger Zerstörung der Haut, z. B. bei Verbrennungen, tumorbedingten und chronischen nicht heilenden Wunden reicht diese Selbstheilung nicht aus. Eine Deckung der betroffenen Hautpartien mit Spenderhauttransplantaten kann in solchen Fällen lebensrettend sein. Hauttransplantate aus der postmortalen Gewebespende können die geschädigten Areale temporär bedecken und bilden eine Basis für die Geweberegeneration. Infektionen und Flüssigkeitsverluste werden verhindert sowie die Heilung größerer Wunden und Geschwüre ermöglicht.

  

Amnion
Das Amnion ist die dünne, gefäßlose innerste Schicht der Fruchtblase (Plazenta), die den Embryo im Mutterleib umhüllend schützt und unter sterilen Bedingungen im Rahmen einer Kaiserschnittgeburt als sogenannte Lebendspende nach Einwilligung der Gebärenden gewonnen wird.  
Die Amnionmembran wird in der Augenheilkunde aufgrund ihrer heilenden Eigenschaften zur Behandlung von Oberflächendefekten an der Bindehaut (vernarbenden Bindehauterkrankungen) und der Hornhaut des Auges (Hornhautgeschwüren, Hornhautperforationen) meist temporär bis zur Versorgung mit eine Spenderhornhaut eingesetzt. Diese Defekte können durch Unfälle oder als Folge von Augenkrankheiten entstehen. Auch bei Verätzungen und Verbrennungen wird diese Therapie gewählt, um die zerstörte Oberfläche der Hornhaut zu heilen.  
Bei der Behandlung der verletzten Augenhornhaut wird das Amnion auf die gesamte Hornhautoberfläche transplantiert. Unter dieser Wundabdeckung kann die Hornhautläsion ausheilen und sich regenerieren. Die anfangs trübe Amnionmembran klart mit der Zeit meist auf und ermöglicht dem Patienten so eine gute Sicht. Nach zirka einem Monat löst sich das Amnion auf und wird von körpereigenen Zellen überwachsen.
Da Amnion heilungsfördernde und schmerzlindernde Eigenschaften besitzt, findet ihr weiterer Einsatz in der Wundbehandlung bei z. Bsp. chronischen Wunden und Verbrennungsopfern statt.

 

Knochen, Sehnen, Bänder und Faszien
Das knöcherne Skelett sorgt für die Formgebung des Körpers. Es wird durch die Skelettmuskeln bewegt.
Sehnen bilden die Endstücke der Skelettmuskeln und dienen deren Ansatz am Knochen und damit der Kraftübertragung zwischen Muskeln und Skelettsystem.
Bänder fixieren bewegliche Teile des Skeletts gegeneinander und sind damit essentielle Bestandteile der Gelenke bzw. Gelenkkapseln. Sie begrenzen die Beweglichkeit auf das physiologisch erwünschte Maß und sorgen für eine funktionelle Stabilität.

Die Faszien umhüllen einzelne Organe, Muskeln oder Muskelgruppen. Die Fascia lata (Oberschenkelfaszie) zum Beispiel umgibt die Muskelmasse des Oberschenkels.
Die verschiedenen Gewebezubereitungen aus Knochen, Sehnen, Bändern und Fascia lata besitzen ein sehr breites Anwendungsspektrum. Sie können beispielsweise helfen, unfall- oder operationsbedingte Schäden zu heilen, entsprechende Bestandteile des Stütz- und Bewegungsapparates nach Verlust rekonstruktiv zu ersetzen, Amputationen zu vermeiden, die Beweglichkeit von Gelenken zu erhalten bzw. wiederherzustellen oder Defekte bzw. Perforationen zu verschließen.